Talking Parasites


Auf der Erde ist es still geworden. Bis auf einige Ecozonen hat sich die Natur – wie wir sie kennengelernt haben – zurückgezogen. Viele Spezies stehen kurz davor gänzlich auszusterben. Wir müssen uns eingestehen, dass die Menschheitsaufgabe des Anthropozän die „natürliche Welt“ zu bewahren, an der immer größeren Distanz zwischen Mensch und Natur gescheitert ist. Trotz allem jedoch schreitet die Evolution voran, eine vom Menschen geschaffene Evolution, die ohne Hierarchien funktionieren muss, um unser Überleben auf dem Planeten zu sichern. Durch die Weiterentwicklung der Mikrobiologie und Gentechnologie tritt die „New Nature“ in den Vordergrund, welche als Grundlage die Gleichstellung aller auf dem Planeten existierenden Spezies inne hat. Die Entwicklung neuer Pflanzen lässt uns mit der neuen Umwelt in einen emotionalen und immersiveren Kontakt und Austausch treten. Aufgrund dieser neuen Erfahrungen hat sich eine Gesellschaft von sogenannten „Care-takern“ etabliert, die erkannt hat, in welcher Abhängigkeit sie mit ihrer Umwelt steht. Nichtmehr als Nutznießer agiert, sondern sich als pflegende Spezies wahrnimmt. Um diese Wahrnehmungsebene zu erreichen wurden parasitäre Pflanzen modifiziert und mit Kommunikationsmitteln ausgestattet, um uns begreifen zu lassen, was wir und unsere Umwelt brauchen um wieder aufzublühen.

Die spekulative Arbeit Talking Parasites zeigt vier neue Pflanzenarten – basierend auf parasitären Organismen, die als Informations- und Kommunikationsmedium dienen um eine neue Form des Austauschs zu ermöglichen.

Foto 1: The Syntheziser (Fungus cuscuta rafflesia arnoldii synthesis)
The Syntheziser nutzt sowohl spezielle Saugorgane um an anderen Spezies anzudocken, als auch eine lamellenartige Struktur um die umgebende Luft zu filtern. Somit nimmt er Informationen – unter anderem Blühsignale und Warnung vor Fressfeinden oder Befall – auf, und gibt diese mit pulsierenden Blüten in Form von Sound und Vibration weiter.

Foto 2: The Extractor (Taraxacum rubus misodendrum punctualum extracio)

The Extractor entnimmt mithilfe stachelartiger Zweige Proben aus dem umliegenden Boden und sendet diese per Antennenfühler weiter an Empfangstationen.

Foto 3: The Receiver (Viscum laetiporus sulphureus recipiens)

The Receiver empfängt verschiedene Kommunikationssignale von Bäumen und ganzen Wäldern über weite Distanzen, um deren Wohlbefinden zu beobachten. Diese werden in für uns verständliche Signale übersetzt und ausgegeben.

Foto 4: The Analyst (Alga cistanche Phelypaea analysis)

The Analyst ist eine Wasserpflanze und dient zur Bestimmung der Wasserqualität. Durch das Ausstoßen eines Sprühnebels, welcher je nach Zustand des Wassers die Farbe und Geruch verändert, kommuniziert diese Pflanze. Andere Spezies können diesen Nebel absorbieren und demnach wiederum interpretieren.

Fotos: Mona Schmidt & Steffen Och


Mona Schmidt & Steffen Och
SoSe 22
betreut von Marlies Wirth
Mehr über das Projekt
Das theoretische Seminar Science-Fiction-Prototyping nimmt Science-Fiction, speziell Climate Fiction, als Ausgangspunkt für die gestalterische Reflexion.
In gemeinsamen Diskussionsprozessen wurden unterschiedliche mögliche und unmögliche Szenarien erarbeitet, die auf unsere Welt im Wandel und die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft für alle Spezies Bezug nehmen.
Science-Fiction-Prototyping bezieht sich auf die Idee, Science-Fiction als Methode zur spekulativen Beschreibung und Erforschung der Auswirkungen von Technologie, Klimawandel und die dadurch veränderte Umwelt, Gesellschaftsstruktur und Politik auf unser Leben anzuwenden.
Mit dem Eintauchen in die fiktionalen Welten tauchen diese Welten auch in unser Bewusstsein ein und lassen uns eine neue Perspektive zum Jetzt einnehmen.
Mithilfe der spekulativen Szenarien wird die Gestaltung der Zukunft aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Protagonist:innen erzählt – von einer Roboterrevolution oder der Symbiose mit anderen Lebewesen, über Wohnen in Ozeanstädten oder der Besiedelung des Mars, bis hin zu 3D-Bioprinting oder die Arbeit als Care-Taker:innen für den Planeten Erde. Die entstandenen fiktionalen Szenarien und Erzählungen zeigen – utopisch und dystopisch – wie Design alles beeinflussen kann, wenn wir es nur wagen.

Mag. Marlies Wirth, Kuratorin Digitale Kultur, Leitung Sammlung Design, MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien