Partizipartive Praxis als kritisches Tätigsein
Die Diplomarbeit von Florian Bremer ist das Ergebnis einer partizipativen Umfrage an der Kunsthochschule Kassel. Motiviert von der Haltung, die Zugänge zu dieser Institution sichtbar(er) zu gestalten und zu hinterfragen, was, wer und wo die Kunsthochschule ist. Die Annahme der Auseinandersetzung ist, dass diese nichts ist, dass man beschreiben kann und »außerhalb« von Personen oder Handlungen existiert, sondern erst dort entsteht, wo verschiedene Dinge aufeinandertreffen: belebt wie unbelebt. Die Kunsthochschule ist ein Tätig-sein, eine performative Ausführung, eine Handlung, eine Überschneidung von vielen Dingen, die nicht beständig sind und sich immer wieder rekonfigurieren und durchdringen. Sie ist das Aufeinandertreffen der Studienordnung mit der Einzelfallprüfung, die Hilfe der Hausmeisterei, das Verweilen im Arbeitsraum, die Vorfreude auf Pommes in der Mensaschlange, der Plausch mit dem Verwaltungspersonal – das Straucheln; das Aufstehen und das Zusammensein. Die Arbeit ist eine Momentaufnahme davon.
Fotos: Florian Bremer
Die Diplomarbeit liegt als Nachschlagewerk sowohl in der Basisklasse Produktdesign aus, als auch in der Bibliothek der Kunsthochschule Kassel
Daraus (ab Seite 22):
Über Motivation, Ziele und Zugänge
Meine Motivation Zugänge für mein Umfeld und meine Kommiliton*innen zu schaffen, war während des Studiums schon sehr hoch und ich bekam mehre Gelegenheiten, dieser auch bezahlt nachzugehen. So habe ich als Tutor für Gestalterische Grundlagen arbeiten dürfen, Tutorials erstellt und die Universität während der Pandemie digital nachgebaut. Ausschlaggebend, diese Themen noch einmal als Diplomarbeit aufzugreifen, verdanke ich dem zufälligen Anschauen(2) des Talk Attending To Futures Designerly ways of knowing (Abdulla 2021) von der palästinensisch-kanadischen Designer*in, Vermittlerin und Forscherin Danah Abdulla. Das Video ist ein Vortrag, den sie auf der Design – Konferenz Attenting [to] Futures in Köln gehalten hat.
In dieser Keynote stellt sie eine Liste von Dingen zusammen, die Designer*innen wissen sollten, um kritisch zu denken und sich in ihrem Engagement für eine bessere Welt einzusetzen. Ein Jahr später erschien die gleichnamige Publikation Designerly ways of knowing: a working inventory oft hings a designer should know (Abdulla 2022). Ihre Liste ist von Michael Sorkin‘s Essay Two Hundred and Fifty Things an Architect Should Know inspiriert (Sorkins 2022). Sorkin war ein US-amerikanischer, vielgeschätzter Urbanist, Theoretiker und Architekturkritiker und konzipierte bis zu seinem Tod dieses Buch. Sein Werk ist eine poetische, kluge, humorvolle und praktische Sammlung dessen, was heute wichtig ist, um unsere Lebensräume menschenfreundlich, gerecht und nachhaltig zu gestalten (Sorkins 2022). Abdulla bedient sich der Idee und transformiert diese in ein Inventory und bezieht sich dabei auf den italienischen Kritiker und Aktivisten Antonio Gramsci, der zum kritischen Denken schreibt:
»Der Anfang einer kritischen Auseinandersetzung ist das Bewusstsein dessen, was man* wirklich ist, und sich selbst als Produkt des bisherigen geschichtlichen Prozesses zu kennen, der eine Unendlichkeit von Spuren in einem zurückgelassen hat, ohne ein Inventar zurückzulassen. Das Erste, was zu tun ist, ist dieses Inventar zu erstellen.«
–> Gramsci nach Abdulla 2022, Übersetzung Florian Bremer
Diese Auseinandersetzungen passten sehr gut in meine Studiensituation. Während der letzten sechs Jahre habe ich massiv von dem Wissen anderer profitiert und mittlerweile habe ich das Gefühl, dass auch ich Ratschläge geben kann, die anderen helfen können. Für diese Art von Wissensaustausch wird Glück gebraucht. Die Gelegenheit einen guten Arbeitsplatz zu bekommen, sich mit Leuten zu vernetzen und den zeitlichen Freiraum haben, um viele Veranstaltungen zu besuchen. Natürlich ist dieses Glück auch abhängig davon, wie gut sich vorbereitet wird.
Mein Ziel war es, die Gelegenheiten zu vergrößern beziehungsweise einen besseren Zugang zu diesen zu schaffen und die Vorbereitungen zu vereinfachen. Ein Inventory für die Kunsthochschule anzulegen erschien mir als ein möglicher Ansatz, sich mit dieser Situation zu engagen(3). Wie Gramsci zum kritischen Denken schreibt, habe ich mich auf die Spuren der Vergangenheit gemacht und mich gefragt, was es bereits gibt. Mit dieser Frage soll sich im folgenden Kapitel auseinandergesetzt werden.
(2)
So sehr ich es auch versuche, ich komme nicht mehr darauf, wie ich auf diesen Talk gestoßen bin.
(3)
Das Wort „engagen“ habe ich hier gewählt, da es im Deutschen aus meiner Sicht kein angemessenes Konzept gibt, welches ausdrückt, dass es um ein organisches, wechselseitiges Durchdringen geht. So sind selbst die gängigen deutschen Übersetzungen fixiert auf das Trennen von Ursache und Wirkung: einschalten, verpflichten, beschäftigen, einrasten. Andere deutsche Worte, gegen die ich mich endschieden habe sind: verweben (zu technisch), verschmelzen (zu irreversible und absolut) und verwachsen (zu naturalistisch und konkret). Für eine weitere theoretische Untermauerung dieser Wortwahl und die damit verbundenen Herangehensweisen siehe auch die ausgesprochen lesenswerte Doktorarbeit von Marie Louise Juul Søndergaard Staying with the Trouble through Design: Critical-feminist Design of Intimate Technology, insbesondere das Critical-Feminist Design Manifesto (Søndergaard 2018, 162-166). Im Laufe dieser Reflexion werde ich mich trotzdem bemühen weitere deutsche Ausdrücke zu finden.
SoSe 23
betreut von Prof. Martin Schmitz und Prof. Oliver Vogt