Nachhaltigkeit im Design an der Kunsthochschule Kassel


Das Anthropozän ist durch multiple soziale und ökologische Krisen gekennzeichnet. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung haben zur Überschreitung planetarer Grenzen geführt, während soziale Lebensgrundlagen wie Gesundheit, Bildung und Gleichheit für große Teile der Weltbevölkerung unerreichbar bleiben. Als Reaktion auf diese komplexen Herausforderungen haben die Vereinten Nationen die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) initiiert. Von besonderer Relevanz für den Bildungssektor ist hierbei SDG 4.7, welches eine fundamentale Reorientierung des Bildungssystems hin zu einer verstärkten Integration von Nachhaltigkeitskonzepten und globaler Verantwortung postuliert.

Kurz gesagt: Die großen Herausforderungen der Gegenwart sind nicht durch vorhandenes Wissen oder technologische Innovationen zu bewältigen. Sie erfordern Veränderungen von Denkweisen, Routinen, Institutionen und gesellschaftlichen Beziehungen. Design kommt dabei eine besondere Rolle zu.

Design als Disziplin 

Der Disziplin wohnt die Vorstellungskraft des „anders Möglichen“ inne. Sie imaginiert Alternativen, Nutzungsszenarien und spekuliert konkret, wie unsere Dinge, unsere Leben, unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben sein können. Neben den naheliegenden Fragen von industrieller Herstellung und Materialität, verstehen wir Nachhaltigkeit im Design an der Kunsthochschule Kassel auch als Gestaltung von Systemen und Infrastrukturen, die Verhaltensmuster und Routinen prägen. Die gestalterische Praxis, wie wir sie an der Kunsthochschule Kassel lehren und lernen, zeichnet sich durch die stetige Reflexion des eigenen Handelns und Verstehens aus – sie hinterfragt und interveniert, um die nötige Transformation unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

Profilthema der Universität Kassel

Nachhaltigkeit ist profilgebender Schwerpunkt in Lehre und Forschung an der Universität Kassel. Nachhaltigkeit wird als interdisziplinäres Anliegen verstanden, Natur-, Ingenieur-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften sowie Design und Kunst verknüpfen Wissen und Perspektiven rund um das Verhältnis zwischen Umwelt und Gesellschaft, Klimaschutz, Ressourcen- und Artenschutz sowie der globalen Transformation. Als strukturbildende Institution wurde das Kompetenzzentrum Kassel Institute for Sustainability (KIS) im Jahr 2022 gegründet. Es verbindet Forschung und Lehre zu Nachhaltigkeit an der Universität. Das Design der Kunsthochschule Kassel ist daran mit einer SDG-Professur für Nachhaltige Produktgestaltung beteiligt. Auch daran zeigt sich das ganzheitliche Verständnis von Nachhaltigkeit in Kassel: nicht als technische Optimierung, sondern als komplexe Gesellschaftstransformation, bei der Fragen der Gestaltung immer präsent sind.

Fachgebiet Nachhaltige Produktgestaltung und -entwicklung

Der BA Design an der Kunsthochschule integriert nachhaltigkeitsbezogene Fragen in praktischen Projekten der Entwurfsfachgebiete, in die Arbeit in den Werkstätten sowie in theoretischen Auseinandersetzungen im Bereich der Designwissenschaften.

In der Lehre ist das Fachgebiet Nachhaltige Produktgestaltung zudem an studiengangsübergreifenden Angeboten beteiligt, darunter der Schwerpunkt Critical Sustainability in Art and Design. Der Schwerpunkt kann im Rahmen des uniweiten Nachhaltigkeitsstudiums gewählt werden und bietet Einblicke in die gestalterische Praxis und Theorie. Außerdem wird das uniweite Projekt Transformatives Lehren und Lernen zu Nachhaltigkeit – TORCH (2025–2031) vom Fachgebiet Nachhaltige Produktgestaltung gemeinsam mit der Kernprofessur Human-Environment-Interactions am Kassel Institute for Sustainability gesteuert. 

Ein weiterer Fokus des Fachgebiets bildet das BIOLAB der Kunsthochschule Kassel. Es ist eine Arbeits- und Forschungsumgebung, in der Studierende der Kunsthochschule Kassel und der Universität Kassel gestalterisch, künstlerisch und wissenschaftlich mit lebenden Organismen, insbesondere Pilzkulturen, arbeiten können. Das BIOLAB ist Gründungsmitglied im Netzwerk und der Special Interest Group „Biolabs an Kunst- und Designhochschulen“ der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.

Aktuell thematisiert das Fachgebiet zudem Fragen an der Schnittstelle zwischen Design und Food. Die Transformation der Lebensmittelsysteme und damit die Ermöglichung der Ernährungswende ist für uns eine Gestaltungsaufgabe, die wir in interdisziplinären Projekten, bspw. gemeinsam mit dem Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, und praktischen Erprobungen im foodlab in Lehre und Forschung untersuchen.

Nachhaltigkeit bildet auch den Kern der Forschungsaktivitäten des Fachgebiets. In verschiedenen Drittmittelprojekten setzen wir Methoden der Designforschung ein, um transformatives Wissen in den Bereichen Bioökonomie, Waste und Discard Studies, Verbraucherforschung und Kreislaufwirtschaft zu erzeugen. Dabei legen wir besonderen Wert darauf, dass Ansätze und Fragen aus diesen Forschungsprojekten fortwährend in der Lehre aufscheinen und diskutiert werden.

SDG+ Lab Experimentale „Transformationen in Arbeit und Wirtschaft“ (BMFTR)

CoDe – Co-Design für zirkuläre Bioökonomie: Transformative Handlungspfade für zirkuläre Innovation in der Bioökonomie (BMFTR)

FUNDUS100 – Reallabor für Objektsorgepraktiken und Gebrauchtbörse