EXAMEN 2021 – Update


wild things wild things tender narrations
Examensausstellung 2021 der Kunsthochschule Kassel
08.– 12.12.2021 | documenta-Halle

Die Absolvent*innen und Meisterschüler*innen der Studiengänge Bildende Kunst, Lehramt Kunst, Kunstwissenschaft, Produktdesign und Visuelle Kommunikation der Kunsthochschule Kassel luden zu
ihrer Ausstellung EXAMEN in die documenta-Halle ein.

Hier ist der Katalog der Ausstellung zu finden.

Beteiligte Diplomdesigner*innen des Studiengangs Produktdesign:

Daniel Westhof – Ouroboros
Johannes Choe – Lernen & Arbeiten 2021 / Flex_Desk
Jule Helene Leinpinsel – Update for future
Leonard Seyfarth – Happy Rackets
Natascha Burk – Der Elektrische Wasserkocher / Motus
Simon Scherer – CYANOTYPIE, ein fotografisches Edeldruckverfahren
Weldegebriel Okbe – EVIE, ein induktives Schnellladekonzept für E-Fahrzeuge

Jandra Böttger
wild things wild things tender narrations
curatorial letter

Worte, Wörter, Ausstellungsbe- ginn. Wörter der Ausstellung mitgeben. Unds, Oders aneinanderreihen. Nicht so viele Vielleichts. Wörter an die Hand geben, die an die Hand nehmen. Erstmal den Titel erklären. Wilde Dinge, zärtliche Erzählungen. Wilde Dinge. Wild wie Ankom- men an der Kunsthochschule Kassel (Yuan Yang), die Verbindung der Neuen Rechten mit Frauenrechten (Luisa Döls), und dass Monster aus Plastik vielleicht die am organischsten wirkenden Dinge in der Ausstellung sind (Linus Clostermann). Wild als Unangepasstheit, Nicht-hinein-passen- Können und -Wollen, als Flucht- aus-den-Kategorien und Rettung-in-irgendetwas-Anderes.

Die wilden Dinge borge ich von Jack Halberstam: „If the wild has anything to tell us, it is this: unbuild the world you inhabit, unmake its relentless commit- ment to the same, ignore the calls for more“. Wild wie die Beobach- tung einer Vogelfamilie über drei Monate, zweimal täglich, verbunden mit der selbstgestellten Aufgabe, ihnen ein Libretto beizubringen (Tanja Böhme), oder wie der wiederholte Versuch, mit dem eigenen ausweichenden Vater über die Nazivergangen- heit des Großvaters zu sprechen (Kai Bannert). Die Arbeiten bewohnen Zwischenräume. Sie verlassen die Gegenwart und entgleiten dem ersten Eindruck, der sie zu kennen scheint. Der zweite Eindruck dauert länger, kommt vielleicht näher oder verweilt kurz auf Distanz. Es ist ein zärtlicher Blick, im Sinne von Olga Tokarczuk:

„Tenderness is the most modest form of love[,] (…) no one swears by it, no one cites it. It has no special emblems or symbols, nor does it lead to crime, or prompt envy. It appears wherever we take a close and careful look at another being, at something that is not our ‘self’. (…) It is a way of looking that shows the world as being alive, living, intercon- nected, cooperating with, and codependent on itself.“

Zärtlich wie Gefühle angesichts eines ehemals besetzten, nun gerodeten Waldes (Malte J. Richter), einer detailreichen Studie der Vor- und Nachteile gewerkschaftlicher Organisationsmöglichkeiten im Industrie- design (Jule Helene Leinpinsel) oder wie der Versuch, die Wahrnehmungsveränderungen der Großmutter in Malerei zu fassen (Andreas Kumerics). Der Titel kombiniert zwei literarische Figuren – wild things aus Jack Halberstams „Wild Things. Disorder of Desire“ (2020) und tender narrations aus Olga Tokarczuks Nobelpreis- rede (2019).

Er wird zu einem poetischen Suchbegriff, einem suchenden Begriff, der Schnittstellen abtastet und Arbeiten in neue Konstellationen setzt: Worte, die einer Ausstellung mitgegeben werden, Konjunktionen, die kommen und gehen. Unds, Vielleichts, Mehrs oder Wenigers, die auch das Begleit- programm der Ausstellung prägen: Ein Diskursprogramm, bestehend aus drei moderierten Diskussionsrunden, in denen Ausstellende inhaltliche Überschneidungen, methodische Ansätze, Produktionsprozesse vorstellen und diskutieren, wird von einem Gespräch mit der Philosophin Eva von Redecker und dem Kurator*innenkollektiv ruangrupa eröffnet. Beide Positionen, Eva von Redeckers und ruangrupas, fragen nach einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und allem, was damit zusammenhängt, wenn man dies wirklich ernst nimmt.

Während Eva von Redecker die Umrisse einer im Entstehen begriffenen Welt vor- zeichnet – „Eine Welt, in der wir pflegen, statt zu beherrschen, teilen, statt zu verwerten, regenerieren, statt zu erschöpfen, und retten, statt zu zerstören“ –, berufen sich ruangrupa auf lumbung als Vorbild für ihre kuratorische Praxis: „lumbung ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die über- schüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. (…) Im Mittelpunkt von lumbung stehen die Vorstellung und der Aufbau dieser kollektiven, geteilten Ressourcen für neue Nachhaltigkeitsmodelle und kulturelle Praktiken.“ Ähnliche Visionen, unterschiedliche Ansätze: Das wird spannend! Viele Arbeiten wurden in diesem Text nicht erwähnt. My bad – ein Grund mehr, vorbeizukommen! Worte geben nun der Poesie Raum, der Poesie der Dinge, Arrangements, der gestalterischen und künstlerischen Arbeiten, Installationen, Videos, Sounds, Forschungen, Texte und Tabellen, die in dieser Ausstellung zu finden sind.

Viel Spaß! Jandra Böttger

Text aus dem erschienenen Katalog zur Ausstellung
Fotos: Lucas Melzer


Termin & Ort
08.12.2021
documenta Halle