Was passiert, wenn ein Popstar niemals geboren wurde, sondern berechnet? Wenn ein Album entsteht, ohne dass je eine Stimme im Studio gesungen hat? Und was bleibt eigentlich von Popmusik übrig, wenn Algorithmen sie schreiben, produzieren und vermarkten?
Mit genau diesen Fragen setzen sich Eleonora Dieterichs und Oliver Scharf in ihrem Projekt Hypergray auseinander – einer cross-medialen Arbeit, die im Rahmen der Ausstellung Fluid in der Ausstellungshalle der Kunsthochschule Kassel gezeigt wurde.
Zwischen Authentizität und technischer Machbarkeit
Hypergray bewegt sich in einem Spannungsfeld, das die Gegenwart der Musikproduktion prägt: Auf der einen Seite die Forderung nach Echtheit, auf der anderen die schier grenzenlose technische Möglichkeit. Das Projekt untersucht, was in einer global vernetzten, digitalisierten und beliebig skalierbaren KI-Produktionsinfrastruktur eigentlich noch die Essenz von Popmusik ausmacht – heute und in Zukunft.
Die Antwort der beiden Gestalter: ein Experiment. Durch den bewusst schamlosen Einsatz verschiedenster KI-Modelle brachten sie einen künstlichen Avatar auf die virtuelle Bühne.
Lyxie Gray: der vielleicht erste KI-Popstar auf Vinyl
Ihr Name ist Lyxie Gray. Sie existiert nicht nur als Social-Media-Präsenz, sondern hat ein vollständiges Album vorgelegt: Brainrot.exe, acht Songs über die Phänomene und Perspektiven, die im Zuge von Künstlicher Intelligenz und digitalen Distributionswegen entstehen. Das Album erschien auf allen gängigen Streaming-Plattformen – Spotify, Apple Music, Tidal und weitere – und zusätzlich in einer limitierten Auflage von 100 Stück auf Vinyl.
Damit ist Lyxie Gray womöglich der erste KI-Popstar, dessen Musik als analoges Artefakt auf Vinyl gepresst wurde. Sie verkörpert eine bewusst neutrale, weiblich gelesene digitale Identität – eine Projektionsfläche, die einlädt, ohne sich aufzudrängen. Als generalisierte, synthetische Figur steht sie für eine Aufwertung des Alltäglichen.
Von Boney M. zu Gorillaz – und einen Schritt weiter
Künstliche Popfiguren sind nicht neu. Projekte wie Boney M. oder die Gorillaz haben längst bewiesen, dass fiktionale Positionen enormen Erfolg haben können. Hypergray knüpft an diese Tradition an, geht aber einen entscheidenden Schritt weiter: Der Avatar ist hier nicht bloß Kunstfigur, sondern Ergebnis algorithmischer Prozesse – ein Produkt der digitalen Gegenwart.
Und doch bleibt Lyxie Gray anschlussfähig für das Menschliche. Auf sie lassen sich all die Bedürfnisse und Konflikte projizieren, die eine vernetzte Generation umtreiben: der Hunger nach Aufmerksamkeit, Selbstwertprobleme, Körperdysmorphie, Einsamkeit, der Druck sozialer Medien. Sie wird zum Spiegel kollektiver Empfindungen – zum Sinnbild einer „Like-süchtigen“ Generation.
Was ist ein Popstar heute überhaupt noch?
Genau hier liegt die eigentliche Frage des Projekts: Ist ein Popstar heute noch künstlerischer Ausdruck – oder nur eine Fassade, ein potemkinsches Dorf für globalisiertes Musikmarketing?
Hypergray ist eine medienkünstlerische Studie darüber, wie KI-gestützte Algorithmen Inhalte erzeugen, positionieren und scheinbare Relevanz produzieren. Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Generischen in der Popkultur – und ein Ausblick auf eine mögliche Zukunft, in der Inhalte immer durchschnittlicher, glatter, aber auch bedeutungsloser werden. Eben: Hyper-Grau.
Zum Projekt wurden mittlerweile drei Musikvideos veröffentlicht:
Hypergray, 404 me not found
Hypergray, Infocalypse
Hypergray, Brainrot
Hypergray wurde von Prof. Oliver Vogt betreut und entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Digitale Perspektiven in Kunst und Design“. Gefördert wurde die Arbeit durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie den AStA der Universität Kassel.
WiSe 24/25
betreut von Prof. Oliver Vogt