Ineke Hans im Interview


Ineke Hans zählt zu den international renommiertesten Designerinnen Europas. Von 2014 bis 2015 war sie Projektprofessorin im Studiengang Produktdesign der Kunsthochschule Kassel. Im Gespräch mit der Redaktion von 1777 spricht sie über nachhaltiges Design, gesellschaftliche Verantwortung, die Rolle von Designer:innen in Zeiten des Klimawandels, innovative Lehrmethoden und die Frage, wie Gestaltung zu einer besseren Zukunft beitragen kann. Das Interview bietet aufschlussreiche Einblicke in ihre Lehrphilosophie.

Ineke Hans (IH): Im Projekt „Unplugged“ in Kassel ging es darum, was wir alles ohne Elektro-Stecker machen können. Das hat sehr viel damit zu tun, dass die Welt im Moment voll in die Electronics geht: das ist ja auch interessant – aber es hat mich interessiert, was wir vielleicht anders machen können, ohne Energie anzuwenden.

Oder können wir viel mehr über die Welt nachdenken? Wie läuft die Welt und was braucht die Welt? Und was ist der Einfluss meines Designs? Also: wo macht es Sinn? Das ist für mich eine wichtige Frage, immer. Ich bin nicht so gut in Projekten, wo man alles nur schön und hübsch macht. Für mich ist Design mehr als das und es muss immer noch etwas mehr bringen. Da habe ich, glaube ich, in Kassel einiges bewirkt und angestoßen.

In beiden Semestern hatten wir immer „10-Minute-Conversations“, wo alle Studierenden ein Thema mitbringen müssten, was er oder sie wichtig oder interessant fand und was irgendwo mit Design zu tun hat. Da war zum Beispiel eine Studentin, ich erinnere mich, die hat über das Verhältnis von Stadt und Land gesprochen und wie das Land mehr Aufmerksamkeit braucht und dass dafür gestaltet werden muss, dass die Systeme sich ändern müssen, so dass man nicht so isoliert ist auf dem Land. Wir haben immer über solche Sachen gesprochen und uns gefragt, was es für das Design bedeutet?

Mir gefällt das, solche Themen in die Lehre reinzubringen und zu bedenken ‘what design can do’. Es gibt auch diesen Katalog, den wir am Ende des Jahres gemacht haben. In dem sind jeweils die individuellen Projekte, aber auch diese 10 Minuten-Themen dokumentiert worden.

(Anm. der Redaktion: Hier findet ihr die komplette Doku als PDF)

1777: Kannst du dich an eine Person erinnern, die sich besonders hervorgetan hat?

IH: Dieses Stadt-Land Thema, das kam von Susanne Tesche, und Arthur Seefried hat da das „One Income for All“ Thema eingebracht und Katja Lonzeck, die hat das Thema der „Geplanten Obsoleszenz“ recherchiert, dass Dinge so gestaltet werden, dass die schon nach kurzer Zeit komplett kaputt gehen. Solche Themen haben wir diskutiert. Aber die Studierenden waren auch oft aktivistisch und idealistisch, das habe ich gespürt. Das mag ich sehr gerne an dieser Generation, dass es nicht mehr nur um ihr eigenes Ego geht. Das ist heute anders, im Vergleich zu den 90ern, wo ich auch schon mal unterrichtet habe. Zu der Zeit ging es viel mehr um den Designer als Entwerfer-Persönlichkeit.

Und das ging in Kassel in eine andere Richtung, eher so: „wir müssen die Welt retten“ und das war schon 2015 ein bisschen wie eine Fridays for Future Generation. Irgendwie habe ich versucht, das aufzufangen, damit dass Bewusstsein in diesem Punkt weiter aktiviert wurde.”

1777: Du selber bist sehr deutlich als Autorin unterwegs, oder?

IH: Ja, ich glaube schon, wenn man das so sieht ich komme selber aus dieser Generation, aber ich habe dieses Autorendesign auch immer kritisch gesehen, und verknüpft mit einer Exklusivität, die da dranhängt. Also so im Stil von Marcel Wanders mit seinem „Shiny Glitter“ oder Karim Rashid und all diese Typen. Und zu der Zeit in den 90ern hat sich ein Gallery Design etabliert, um dann alles so super teuer zu verkaufen. Das habe ich echt immer gehasst. Ich liebe mehr die demokratischen Welten, wo man für jeden nachdenkt, also viel mehr einen sozialen Weg wählt.

Und das interessiert mich auch im Design, dass man etwas entwirft, was für jeden benutzbar ist und nicht nur für ”just a happy few”.

1777: Was machst du, wenn Studierende zu dir kommen und einen Stuhl entwerfen wollen? Oder eine Vase oder eine Leuchte?

IH: Na ja, dann frage ich erstmal, was für ein Stuhl soll es dann sein? Für welche Art von Nutzung? Also ein Stuhl ist so offen und welche Art von Stuhl brauchen wir im Jahr 2025 eigentlich noch? Also es hat ja keinen Sinn, nochmal ein Sofa zu entwerfen, wie man es vor 20 Jahren auch schon hätte machen können. Also was ist der Mehrwert? Wichtig ist: Gibt es eine neue Technologie, ein neues Material, eine neue Typologie? Was trägst Du kulturell noch bei? Was ist die Innovation? Was ist der Impact? Oder „How does it do good?“ Diese Sachen frage ich dann immer ab.

1777: Also in den Projekten versuchst du schon so ein bisschen eine Utopie in den Entwürfen zu provozieren, oder?

IH: Naja, was ich sehr wichtig finde ist, dass die Studenten lernen, die Welt anzusehen und zu verstehen, was der nächste Schritt sein kann, den wir als Gesellschaft wirklich brauchen. Es ist doch als Designer essentiell zu fragen wie sich die Welt entwickelt und was man in dieser neue Welt braucht. Und das hat tatsächlich damit zu tun, dass ich nicht glaube, dass man etwas machen soll, was bereits existiert.

Und ich bin auch total fertig mit Humor. Ich liebe Humor, aber Sachen, die NUR da sind als Witz oder als Statement, das finde ich immer schwieriger, weil wir sitzen auf auf einer Zeit-Bombe, wo wir echt sehr gut darüber Nachdenken müssen, was wir noch in die Welt bringen wollen. Design soll Spaß machen, aber die Kreativität kann man auch für sinnvolle Sachen nutzen.

1777: Noch ein bisschen zu der gedanklichen Funktion, die wir vorhin angesprochen haben wo es um die hübschen und eventuell überflüssigen Gegenstände in Deiner Wohnung geht. Deine eigenen Objekte, die du entwirfst, haben die auch vielleicht diese Qualität einer gedanklichen Funktion?

IH: Na, lass mal so sagen. Ich bin sehr, konzeptuell aufgewachsen. In Holland ist das krass; das Konzept muss sehr gut sein. Und als ich dann zum Studium nach England gegangen bin, war ich sehr verwirrt, als ich mich konfrontiert sah mit Leuten wie Ross Lovegrove. Das war so „schu, schu, schu“, so „schu, schu, schu“ – Form, Form, Form. Und da dachte ich, ach Du meine Güte, das geht ja gar nicht, wo ist denn da das Konzept?

Also ich habe da auch eigentlich mehr und mehr realisiert, bei dem Entwurf von zum Beispiel den „REX“, der erste holländische Pfandstuhl. Das Ding hat eine eine bequeme Rücklehne, aber am Ende geht die Liebe durch den Magen und das geht dann durch die Formensprache und dann kann ich ein sehr konzeptuelles Ding haben, aber wenn es so hart ist und abweisend, dass man es nicht lieben kann, dann ist man auch voll daneben.

Also man muss irgendwo eine Balance finden, zwischen dem was anspruchsvoll und dem was lieblich ist und was den Magen und den Kopf bedient, der eine praktische und funktionale Nutzung bevorzugt.

1777: War die Lehre an der Kunsthochschule in Kassel für dich ein Auslöser, dich auch auf eine feste Professur zu bewerben?

IH: Nein, ich bin eher deswegen gefragt worden, weil die an der UdK gedacht haben, hey, die Ineke war in Kassel und dadurch wird man in Deutschland professorabel. Dieser Professorentitel ist mir total egal, um ehrlich zu sein. Ich weiß, dass es in Deutschland ein großes Ding ist. Nachdem ich in Kassel war, hatte ich damals in London so ein Projekt gemacht, in dem ich mich der Recherche gewidmet: „The future of furniture design and the changing position of the designer“ war mein Arbeitstitel. Da habe ich so eine kleine Liste verfasst mit Themen, was Design in Zukunft machen muss; so als kleines Pamphlet wo ich beschrieben hatte wo Design hin gehen soll. Auf Basis davon wurde ich dann plötzlich gefragt für Unterricht. Und weil ich in Kassel ehrlich gesagt sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, dachte ich, wenn du schreibst wo es hingehen soll, dann musst du vielleicht auch in den Unterricht gehen.

1777: Gibt es noch mehr – was Du aus Deiner Zeit in Kassel mitgenommen hast? Ein Wissenstransfer?

IH: Wir haben zur Zeit hier an der Udk eine Stelle für künstlerische Grundlagen. Und diese Stelle wird nun verändert, das bedeutet, dass wir daraus eine Gastprofessur machen, die wechselt.

1777: Also das ist ähnlich wie das, was wir haben?

IH: Ja, aber immer für drei Jahre. Damit die Leute auch ein bisschen mehr informiert sind und in den Gremien mitarbeiten können, aber auch um alle drei Jahre einen Schwerpunkt zu haben. Die Stelle wurde auch dafür ins Leben gerufen, um mehr junge Bewerber:innen für die Stelle anzusprechen. Also ja, das ist ziemlich ähnlich vielleicht. Ich finde das auch gut so.

1777: Was ist dir aus der Zeit an der Kunsthochschule in Kassel ganz besonders in Erinnerung geblieben? Gibt es etwas ganz Markantes?

IH: Ich habe mir ein Auto dafür gekauft. Das hatte ich vorher nicht. Meine Studenten haben auch gesagt, oh Gott, die Ineke hat speziell für uns ein Auto gekauft. Und dann bin ich hin und her gefahren (zwischen Arnhem und Kassel), weil es war schwierig, mit dem Zug nach Kassel zu kommen. Nach einem Jahr habe ich es wieder verkauft.

1777: Was willst Du den Studierenden mit auf den Weg geben?

IH: Wir müssen als Designer viel stärker sein und unser Fach viel seriöser einbinden und klar machen, was wir machen können. Und dass wir auch zeigen, dass die Studierenden in Positionen kommen können, wo sie Bedeutung haben und viel Bewirken können. Das finde ich echt wichtig, dass man nicht diese Schule sieht als eine reine Spielschule, sondern als einen Ort, wo Leute lernen, einen Unterschied machen zu können in der Welt. „What design can do“ das ist eine Organisation in Holland, die sich schon sehr lange damit beschäftigt, was Design für unsere Gesellschaft tun kann, was „The Power of Design“ ist.

Und da glaube ich sehr daran, dass wir mehr über den möglichen Impact, die Auswirkungen nachdenken müssen, die eine Gestaltung haben kann.

1777: Danke für das schöne Gespräch liebe Ineke.

Foto: Jorit Aust


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